Weblogs, Wikis und andere Modeerscheinungen
Überfliege ich die Mehrzahl der Einträge in Martin Roells E-Business Weblog, so bin ich doch sehr erstaunt, dass man um ein paar schlichte Publikations- und Darstellungswerkzeuge für Netzcontent so einen “Aufriss” machen kann. Natürlich läßt sich jede beliebige Entwicklung in ihrer Empire unter verschiedenen Gesichtspunkten - u.a. natürlich auch soziologisch - bewerten. Die Erfahrung mit solchen “Untersuchungen” zeigt letztlich jedoch auch, dass die jeweils Untersuchenden dazu neigen, aus einer kleinen Mücke einen tonnenschweren Elefanten zu generieren. Eine ähnliche Assoziation befällt mich regelmäßig bei der Diskussion um Weblogs und Wikis. Als ich vor etwa sieben Jahren meine bis dahin primär händisch “zusammengeflickten” Webseiten durch ein zu diesem Zeitpunkt wohl als primitiv zu bezeichnendes CMS ablöste, hat sich (für mich) ein qualitativer Schritt vollzogen, der sich idealiter mit der materiellen Dialektik wie folgt umschreiben läßt: Anhäufung von Quantität und Umschlagen in eine neue Qualität. Obwohl die Ära der Content Management Systeme nunmehr schon einge Zeit andauert, kann ich mich nicht daran erinnern, eine vergleichbare Hype um diese Publikationswerkzeuge erlebt zu haben. Sie erleichtern einem Contentanbieter das Leben - nicht mehr und nicht weniger. Blogs und Wikis führen diese Tradition in einem verstärkten Maße fort und setzen dem “einsteigewilligen” Nutzer weniger technische Hürden i.F. von zu erlernenden Scriptsprachen, mystischen php.ini-Konfigurationsorgien etc. in den steinigen Weg zur virtuellen Selbstdarstellung.
Unbestritten - Wikis und Weblogs ermöglichen eine Art von Kollaboration und Konzertierung, die für eine Vielzahl von Menschen in der nunmehr vorliegenden Art und Weise sicher nie realisierbar erschien. Bedauerlicherweise nutzt die Mehrheit eben jener Weblog- und Wikibetreiber resp. -nutzer die eigentliche Potenz der ihnen an die Hand gegebenen Werkzeuge gar nicht - vielmehr wird die eigentliche Kraft des Mediums zur plumpen Selbstdarstellung oder in sonstiger (u.U. sogar destruktiver) Weise genutzt. Schaut man sich heute bspw. die Art der Verbreitung von "Informationen" via Weblog/Wiki an, so scheint sich manch' ein Betreiber gar nicht der persönlichen Verantwortung bewußt zu sein, die ihm mit der Nutzung eben jener Medien auch obliegt. Hoaxes und bewußte Falschmeldungen werden bedenkenlos weiterverbreitet - man tut alles, um im Gespräch und im Ranking zu bleiben. Eine Folgenabschätzung für die verbreiteten Informationen wird (zumindest von Privatnutzern) nur in den seltensten Fällen vorgenommen.
Die ständige Diskussion um die Werkzeuge der Kreativität verdeckt die viel dringendere Frage nach der Qualität des eigentlichen Outputs - eine in der heutigen Zeit gemeinhin häufiger anzutreffende Entwicklung, die dazu führt, dass millionfach "wertloser" (weil nur dupliziert, weil nicht erkenntnisfördernd, weil trivial, weil ...) Informationen (insbesondere in Weblogs) entstehen, für deren Filterung - sei sie nur technischer oder menschlich-kognitiver Art - ein so großer Aufwand getrieben werden muss, dass das Zeitmoment für das Auffinden "werthaltiger" Informationen immer größer (und damit unökonomischer) wird. Nun mag man zwar einwenden, dass es den Maßstab für Qualität und Werthaltigkeit von Informationen auf der Basis von Blogs und Wikis gar nicht gäbe und dabei wild gestikulierend auf die Leser einschlägiger Printerzeugnisse zeigen, die selbst jenen eben nach ihren Maßstäben auch Qualität und Werthaltigkeit abgewinnen würden. Andererseits stellt sich dann jedoch zwingend die Frage: Warum eigentlich immer am sog. Plebs orientieren? Der Mensch wächst bekanntlich mit seinem Anspruch an sich selbst. Unbestritten - das Richtmaß in unserer heutigen Gesellschaft scheint sich immer mehr dem geistlosen Konsum ohne Selbstreflektion und Kreativität anzunähern. Für derart in ihrer geistigen Potenz beschränkte Individuen scheint es tatsächlich unmöglich zu sein, für sich selbst als bindend erklärte Grundnormen, -werte und -qualitätsansprüche zu entwickeln. Alle anderen geistig mündigen Menschen sind hierzu sicher in der Lage und meistern diese Aufgabe jeden Tag auf's Neue.
Letztlich: Warum habe ich immer nur das Gefühl, dass Menschen, die sich kritisch gegenüber der Weblog- und Wikihype äußern, immer aus der "Ecke" der sog. "E-Business Consultants" und "New Media Kenner" "angemacht" werden - eine Sammelsurium von Existenzen, die bei der Sichtung des Google Rankings auf Ihrer Website jeden Tag erneut einen Orgasmus bekommen - gleichgültig, für welche Art von Inhalt eben jener steht.
Referenzen:
Der Fortgang der weiteren Diskussion zum Thema findet sich hier.
Hier werden die Folgen des unüberlegten Bloggen dargestellt.
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Schade, dass Sie die Möglichkeiten der Vernetzung noch nicht erkannt haben und Ihre Kommentare hier wieder ins Blog reinstellen, statt Trackbacks zu nutzen.
Vieles Ihrer “Kritik” scheint damit zusammenzuhängen, dass Sie Blogs und Wiki’s nur als bessere CMS sehen.