War das Thema “StudiVZ” bisher Erfolgsgarant für Hits vor allem bei Basic Thinking & Co., schwappt das Thema seit ein paar Wochen nunmehr auch auf die juristische “Bloggemeinde” über. Die Hoffnung, durch eine uneigennützige Berichterstattung und Aufklärung über die Risiken und Nebenwirkungen die fragliche Zielgruppe noch zu erreichen, ist angesichts der Realitäten allerdings gering. Bestes Beispiel: Lehrveranstaltungen in Rechnerkabinetten der hiesigen Technischen Hochschule sind - je nach Studienrichtung und Matrikel - wahre StudiVZ-Orgien. Die Studierenden schlagen im Labor auf, checken zunächst ihre Emails und beginnen sodann, ihre StudiVZ-Netze einzuholen - bedeutet, sie überprüfen zunächst (so zumindest meine laienhafte Deutung), wer denn so auf Ihrer Eigenpräsentation “vorbeischaute”. Die entsprechenden Backlinks werden dann in aller Ausführlichkeit - und je nach Persönlichkeitsnaturell und Geschlecht des/der Beglückten zumeist unter Einbeziehung der Umsitzenden - ausführlich ausgewertet. Im Ergebnis dieser Sichtung steht dann die “to do list” für den Rest der Lehrveranstaltung fest: die Kontaktaufnahme zu den potentiell Kennenzulernenden. Hierfür hat die Generation “Pisa” bemerkenswerte Strategien zur Effektivierung entwickelt: Ein Student kopierte doch tatächlich aus einer auf seinem Studi-Account abgelegten Textdatei die aus seiner Sicht in der jeweiligen Situation passenden “Sprüche”. Ein anderer holte augenscheinlich via ICQ den Rat seiner Freunde ein. Zumeist sind die Studierenden mit dieser Art der Kontaktaufnahme bis zum Ende der Lehrveranstaltung bechäftigt. Diejenigen StudiVZ-Nutzer, die durch Mutter Natur nicht mit den Attributen des jeweils aktuellen Schönheitsideals ausgestatten wurden und daher nur wenige oder schlimmstenfalls keine Besucher auf ihrer Seite zu beklagen haben, haben demgegenüber noch ziemlich viel Zeit pro Doppelstunde übrig. Jedoch auch diese wird gern in StudiVZ investiert: Da wird an der Eigenpräsentation gefeilt, Bilder gefaked optimiert, die mit der Handycam festgehaltenen besonderen Augenblicke im Leben des Accountinhabers in einer Bildergalerie verewigt oder einfach nur Streifzüge in die Weiten des StudiVZ-Universums unternommen.
Selbstreflektiv fragt sich der Lehrende (hoffentlich) regelmäßig, ob es am Stoff oder der Vortragsweise lag, dass die Studierenden StudiVZ dem Sachstoff vorziehen. Klar - man muss die grauen Zellen nicht anstrengen, sich nicht mit Fragen beschäftigen, die offenkundig nur außerhalb des eigenen Kosmos Bedeutung besitzen und sich nicht dem monotonen Vortragsstil des Lehrenden opfern. Andererseits litten auch schon Lehrveranstaltungen in Rechnerlaboren in grauen vor-StudiVZ-Zeiten am Manko der gesteigerten Unaufmerksamkeit. Insoweit besteht die Konsequenz für den Lehrenden zumeist darin, seinen ganzen Charme bei der zentralen Raumvergabe dafür einzusetzen, nicht ein Rechnerlabor für die eigenen Lehrveranstaltungen zugewiesen zu bekommen. Ist der Lehrstoff allerdings auf die Nutzung der Rechner ausgerichtet, greift diese Strategie freilich ins Leere.
Andererseits bestünde auch die Möglichkeit, in einer konzertierten Aktion von Hochschulleitung und Rechenzentrum den Zugang zum StudiVZ aus dem Hochschulnetz zu sperren. Mal abgesehen von den verschiedenen technischen, organisatorischen und rechtlichen Aspekten einer solchen Sperrung fragt sich dann natürlich, wo die Grenzen einer solchen zu ziehen sind.
Ich für meinen Teil würde dagegen eine gänzlich andere Strategie befürworten: Warum nicht einen “StudiVZ-Meeting-Point” mit ein paar Terminals und StudiVZ-Werbeträgern einrichten? In Zeiten der zunehmenden Ökonomisierung der Lehre könnten auf diese Weise zusätzliche Einnahmen in die ewig klammen Kassen der Hochschule gespült werden und zusätzlich verbleibt dem Lehrenden aufgrund der dezimierten Teilnehmerzahl wesentlich mehr Zeit pro Student für Rückfragen und persönliche Betreuung. So haben alle Beteiligten was davon.