Recht Dieses Weblog von Michael Bunzel widmet sich folgenden (juristischen) Themenbereichen: Informationstechnik und Informationssicherheit Darüber hinaus finden sie hier auch Informationen zu folgenden Themenbereichen der IT-Sicherheit:
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2 filed @ Sunday, March 27, 2005 by Micha Bunzel     4

Spiegelleser wissen mehr!

Was haben der Spiegel-Online und Bild gemeinsamen? Genau - beide Presseerzeugnisse nehmen es mit dem Trennungsgebot von journalistischem Inhalt und Produktwerbung nicht ganz so genau. Während allerdings Bild jene unzulässige Verquickung nahezu perfektioniert hat (man sieht das etwa hier, hier und hier) “üben” derweil die Redakteure und Autoren von Spiegel-Online noch. Insbesondere Klaus Lüber, seines Zeichens Autor der Spiegel-Online Artikel “Quälen an der Quelle” sowie “Linux: Die Not mit dem Retter” scheint sein Faible für das Verstecken marketingwirksamer Botschaften innerhalb einer vermeintlich journalistisch ausgerichteten Berichterstattung entdeckt zu haben - denn anders ist der Inhalt der letztgenannten Beiträge vom 21. und 22. März diesen Jahres unter der Rubrik “Netzwelt” von Spiegel-Online wohl kaum erklärbar. Natürlich könnte man auch davon ausgehen, dass Herr Lüber den fachlichen Hintergrund seiner Beiträge letztendlich nicht einmal im Ansatz überblickte und daher solch’ dilettantischen Zeilen seiner Feder entlockte. Aber dies ist wohl eine zu gewagte Vermutung ...


Beginnen wir jedoch am Anfang. Die von Lüber als eigentlicher Aufhänger seiner Geschichte gewählte Handlung ist schnell erzählt: "Raptor", der Held der kleinen Techniknovelle, hat von einem Freund erfahren, dass Linux das Ziel seiner Hoffnungen und Wünsche in Hinsicht auf ein sicheres, stabiles und nutzerfreundliches Betriebssystem ist. Besagter "Raptor" entsorgt also schnellstmöglich sein bisheriges Betriebssystem namens Windows und startet augenscheinlich mit einem Desktop-Produkt der Firma Suse voll durch. Oder besser: er versucht, voll durchzustarten. Oder nein - er hoffte, sich innerhalb eines Jahres das notwendige Wissen für den Betrieb dieses Systems anzueignen, um danach irgendwann einmal voll durchzustarten. Oder ... Nein! Schluss! Er installierte halt eine gemeinhin weitverbreitete Linux Distribution auf seinem Desktopsystem.

Damit nahm jedoch das Unheil seinen Lauf. Ein streikendes Softmodem (neudeutsch auch Winmodem); Peripherie, die sich mangels geeigneter Treiber nicht installieren läßt; Windowsprogramme, die auf der Grundlage der Emulatorsoftware "Wine" nur unzureichend mit dem Linuxsystem harmonieren - alles Gründe, die unseren kleinen Helden "Raptor" nach einer wahren Odyssee von Fehlermeldungen reuemütig im zweiten Teil des Beitrages zu Windows zurückkehren lassen.

Durfte der Leser den in epischer Breite geschilderten Leidensweg "Raptors" bis zu diesem Zeitpunkt nur passiv mitverfolgen, so lädt der Autor hiernach zu einer Selbstreflektion über den Sinn einer Systemmigration von Windows hin zu Linux ein, indem er fragt:
Ist Karl [der goutete "Raptor" - Anm. des Verf.] nur einfach zu dumm für Linux? Oder hat er gar nicht vor der Intelligenz des Computers versagt, sondern einfach nur die Konsequenz aus dessen Fehlerhaftigkeit gezogen?
Bevor der unvoreingenommene Leser auf diese Frage jedoch eine Antwort geben kann, wird jener vom Autor mit einem wahren Feuerwerk an "Argumenten" niedergemäht:

In Hinsicht auf die bemängelte Fehlerhaftigkeit des Windows Betriebssystems findet sich beispielsweise folgende Aussage:
Selbst Informatik-Profis haben sich längst von der Vorstellung verabschiedet, man könne fehlerfreie Computersysteme programmieren und akzeptieren Systemabstürze als unausweichliche Tatsache. Computersysteme von morgen produzieren kontrollierte Systemabstürze, weil man auf diese Weise flexibler auf einen wirklichen Notfall reagieren kann. Es geht nicht mehr um Fehlervermeidung, sondern um intelligente Schadensbegrenzung.
Sodann schiebt der Autor unter gleichzeitiger brillianter Verarbeitung des Themas "Open Source" gekonnt nach:
Abgesehen davon enthält der Linux-Sourcecode Unmengen von Fehlern. Immerhin wurde er von Hunderten Programmieren über Jahre hinweg zusammengeschrieben. Und wo viele Menschen arbeiten, werden unweigerlich viele Fehler gemacht. Auch und gerade wenn der Code offen liegt und ständig Schwachstellen entdeckt und ausgebessert werden.
In Hinsicht auf das von Linux-System präferierte Sicherheitskonzept merkt der Autor folgendes an:
Da wirkt Linux mit seinem Kontrollanspruch reichlich rückschrittlich. Und das ist auch kein Wunder. Denn so zukunftsweisend die Software auch gerade vermarktet wird: Im Grunde ist sie steinalt. Der Programmcode basiert auf Unix, und das wurde bereits in den 60er Jahren entwickelt.
Schliesslich kommt es zum großen Finale:
Doch nur weil Linux in einer Open-Source-Community entstanden ist, werden diejenigen, die damit arbeiten, nicht automatisch freier und unabhängiger im Umgang mit Computertechnologie. [...] Wer den größten Teil seiner Arbeitszeit damit verbringt, Fehlerprotokolle auszuwerten, Programmbibliotheken zu pflegen, Befehlszeilen auszuprobieren und nach Software-Updates zu suchen, hat sich zum Sklaven seiner eigenen Kontrollsucht gemacht. [...].
Im Grunde genommen könnte man diese wortreichen Versuche der "Argumentation" auf folgende Worte zusammenkürzen: "Leute - kauft ein anständiges Betriebssystem! Kauft Windows!" - auch wenn der Schlusssatz des Autors (natürlich) etwas anderes suggeriert.

Auf die inhaltlichen Fehler beim Abfassen dieser werbeträchtigen "Netzweltgeschichte" an dieser Stelle vertieft einzugehen, würde den Charakter eines Weblog-Eintrages sicher sprengen. Nur soviel sei angemerkt: Der Autor schreibt völlig undifferenziert, platt und interessenausgerichtet. Es gib nicht das Betriebssystem, sondern nur ein Betriebssystem mit einem spezifischen Aufgabenzuschnitt. Hätte sich unser Held "Raptor" bspw. zum Ziel gesetzt, ein funktionales und vorallem sicheres Serverbetriebssystem zu wählen - er wäre wohl sicher bei einem *nix-Derivat "hängengeblieben". Hätte er nur einmal einen Blick auf ein snort-Logfile geworfen - er hätte festgestellt, dass der von Microsoft vertriebene Internet Information Server (IIS) wohl kaum geeigent erscheint, Content sicher im Netz anzubieten. Hätte er sich als Nutzer geoutet, dem Bedienerfreundlichkeit vor Sicherheit geht - es wäre ihm auf jeden Fall ein Microsoft-Desktopprodukt empfohlen worden. Die Liste an Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen.

Hat man auf diese Weise jenes Glaubens- und Marketingbekenntnis mehr oder weniger spurlos an sich vorüberziehen lassen, so brennt letztlich nur noch eine Frage im Hirn des gemarterten Lesers: "Warum in Gottes Namen hat Lüber nicht jemanden gefragt, der sich mit solchen Themen auskennt?" Vielleicht weil es sein Job war, zielgerichtet zu schreiben ...?

Referenzen:
Teil I des Spiegelbeitrags
Teil II des Spiegelbeitrags
Teil I einer satirischen Replik
Teil II einer satirischen Replik

   


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