Das können wir heute der Pressemitteilung des Bürgermeisteramtes entnehmen. Zwar bedarf es noch der Absegnung durch den Gemeinderat. Aber wer zweifelt bei diesen überzeugenden Erkenntnissen schon daran, dass dies ein Selbstläufer wird?
“Die Gewaltdelikte sind im betroffenen Altstadtbereich der Polizei zufolge um 16 Prozent zurückgegangen.” – Aha, die Polizei hat dies festgestellt? Respekt, wie denn?
„Sie konnte zudem keine räumliche Verlagerung von Gewaltdelikten in der Innenstadt beobachten.“ – Das ist normalerweise methodisch etwas verzwickt zu ermitteln, die Freiburger Polizei aber hatte dies souverän vermutlich durch einen Blick auf den Augustinerplatz im Griff. In andere Bereiche oder in Wohnungen und Villen verlagert? Das stört nun wirklich keinen großen Geist.
OB Salomon: „Deshalb halten wir diese Einschränkung der persönlichen Freiheit für absolut zumutbar.“ – Ach ja, echt für absolut? Wir sind tief beeindruckt.
Unser geschätzter OB weiter: „Die Menschen fühlen sich seitdem auch sicherer!“ – Ja klar, mit einem Ausrufezeichen. Und ein weiteres Mal: Chapeau. Auch noch Furchtforschung betrieben. Erfolgte die übrigens geheim? Keinem ist sie aufgefallen. Oder war es so eine Befragung, wie man sie zur Akzeptanz der Videoüberwachung kennt: „Fühlen Sie sich etwa nicht sicherer, wenn diese Punker mit Hunden und Penner aus der Stadt verschwunden sind?“ Übrigens: Die echte Furchtforschung hat ergeben, dass die Furcht durch ganz andere Faktoren wie etwa berufliche Existenzängste befördert wird.
Auch der Erste Bürgermeister Otto Neideck hat Wertvolles beizutragen: Für ihn ist der Wirkungszusammenhang zwischen mitgebrachten Alkoholika in der Altstadt und der Ausübung von Gewalt plausibel. – War das ein Selbstversuch? Reicht subjektive Plausibilität aus, um eine Polizeiverordnung zu erlassen? Ändert sich die Wirkung der Alkoholika, wenn man sie mitbringt? Ach bitte, Herr Neideck, erklären Sie mir dies doch bitte mal bei einem Glas Rotwein. In der Enoteca, da sitzt wenigstens nicht der Plebs rum.
„Die polizeiliche Kriminalstatistik hatte nachgewiesen, dass jede zweite Gewalttat unter Einfluss von Alkohol stattgefunden hat.“ – Ach ja, kann eine solche Statistik das? Ich schreib mal eben meine Kriminologieskripten um.
„Die neue Polizeiverordnung soll zwei Jahre gelten. Danach wird eine erneute Überprüfung auf einer fundierten Datenlage erfolgen.“ – Wie? Die jetzige ist nicht fundiert? Bitte nicht so bescheiden. Das war eine grandiose Arbeit, auch wenn wir nicht wissen, wie sie zustande kam. Wir gratulieren und wundern uns, dass die Verordnung nicht gleich für immer gelten soll. Noch ne Frage: Wollen Sie nicht einfach Kriminologie hier in Freiburg lehren? Ich kann das nicht und es strengt so an. Ich will trinken, und zwar viel.
Guten Morgen.
Dass in den Medien zumeist Aussagen und Schlagzeilen vorherrschen, die den Erfahrungen der Kriminologie widersprechen, ist doch eine Tatsache, die hinlänglich bekannt ist.
(crime and sex sells)
Dass Politiker diese gedruckten Halb- und Unwahrheiten gleichwohl aufnehmen (müssen) - sei es aus Unwissenheit oder aus reinem partei- und wahlpolitischem Kalkül - wurde nicht zuletzt in Hessen wieder eindrucksvoll bewiesen. Man muss als gestandener Politiker ja schließlich “Lösungen” für die Probleme anbieten, die das Volk belasten. Ob diese auch wirklich existieren oder nur medial vorgegaukelt sind, spielt dabei keine Rolle. (Jugendliche werden immer brutaler? Kann doch nicht wahr sein, die müssen weggeschlossen werden. Und zwar solange wie möglich! Nachträgliche Sicherheitsverwahrung für Jugendliche? Klar, nur her damit!)
Auf diese Weise kommt er dann in Gang, der medial-politische Verstärkerkreislauf. Nur wem soll man da einen Vorwurf machen? Den Medien, die das schreiben was die Menschen lesen wollen, um ihr Format möglichst gewinnbringend zu verkaufen? Den Politikern, die das sagen was der wahrgenommenen Realität der Bevölkerung entspricht, um gewählt zu werden? Der Bevölkerung selbst, von der man ernsthaft nicht erwarten kann, sich mit den Unzulänglichkeiten von Hellfeldstatistiken auseinanderzusetzen?
Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß oder zumindest so empfinde, ist, dass von Seiten der Experten - und damit meine ich insbesondere Sie, die Professoren - noch zuwenig unternommen wird, um auch nach außen hin das medial verzerrte Bild der Kriminalität ein wenig zu begradigen.
Warum wird nicht vermehrt versucht, die wissenschaftl. Erkenntnisse auch medial in den Vordergrund zu rücken? Sei es durch entsprechende Kolumnen in überregionalen Zeitungen, offenen Briefen, o.ä.? Wer, wenn nicht die Professoren, hat überhaupt eine Möglichkeit beachtet und ernst genommen zu werden?
Ok, ich gebe zu, diese Aussage gleicht einer Unterstellung. Natürlich weiß ich nicht, wie jeder einzelne Professor sich diesbezüglich verhält oder welche Anstrengungen im Einzelnen unternommen werden, die gewonnenen Erkenntnisse über den Tellerrand der Wissenschaft zu schubsen. Auch ist mir klar, dass Kriminologen bei der Argumentation immer ein wenig im Nachteil sind:
“Soso…die reg. Kriminalität ist anfangs um 100% gestiegen und jetzt nur um 50% gefallen? Und da wollen Sie mir sagen, sie sei nicht mehr geworden?!”; “Ach hören Sie doch auf mich mit trockenem Gewäsch über Erfassungskriterien zu nerven. Aus der Statistik geht doch deutlich hervor, dass insbes. die gef. und schw. KV bei Jugendlichen gestiegen ist! - Warum es dennoch nicht mehr entsprechende Verurteilungen gegeben hat? Na keine Ahnung, vermutlich weil unsere Richter zu lasch sind, ist doch klar!”
Ich denke, mein Anliegen ist einigermaßen deutlich geworden. Außerdem tut es mir Leid, dass ich mit Ihnen gerade jemanden anspreche, der weit mehr tut als andere: Immerhin fallen mir nicht viele Professoren ein, die ein Weblog betreiben.
Letztlich möchte ich noch darauf hinweisen, dass meine Sichtweise natürlich auch meiner Naivität geschuldet sein kann und meine Erwartungen an die Professorenschaft daher wenig realistisch sind. - Aber ich frage Sie: Wann darf man noch naiv sein, wenn nicht gerade als Student?
Beste Grüße nach Freiburg